Notiz 9: Die Teilzeitstelle

Des Projektmanagers Fluch hat eine genaue Bezeichnung: Teilzeitstelle. Damit passt Ihre Tätigkeit nicht in die Tabellen, und Sie haben zwar eine vollwertige Arbeit, aber trotzdem nur ein halbes Gehalt. Viele Projektmanager haben daher zwei Standbeine, aber ich kenne auch Fälle, die gleichzeitig an sechs Projekten arbeiten. So etwas kann ich mir nicht vorstellen, denn ich bin immer mit Herzblut bei der Sache – entweder gebe ich alles, oder ich lasse es ganz sein. Freilich trägt auch meine Projektstelle die Bezeichnung 0,75. Ich kann mich also voll und ganz meinem Projekt widmen, und zugleich habe ich Zeit „übrig“, um am weiteren Geschehen in unserem Geopark Ralsko teilzunehmen.

Alljährlich veranstalten wir im Geopark ein kleines, aber feines Landart-Festival. Mitten in der Natur, in einem Tal, wo vor Urzeiten einmal ein hübsches kleines Dorf stand, treffen sich Künstler, sind kreativ und präsentieren ihre Werke den Besuchern. Eine solche Idylle braucht freilich viel Arbeit und Vorbereitung. Wir machen das mit Liebe und brennen für die Sache. Dieses Jahr hatten wir die Idee, das Festival an einen anderen Ort zu verlegen. Auf dem weitläufigen Gebiet des Geoparks gibt es nämlich 20 Stellen, an denen früher einmal Dörfer gestanden haben. Das sind 20 Stellen, die unsere Aufmerksamkeit verdienen, haben wir uns gesagt und sind seit dem Herbst nach und nach alles abgelaufen und haben gesucht. Und wir haben gefunden. Für den aktuellen Jahrgang wurde Svébořice ausgewählt. Eine Lichtung im Wald, ein Bächlein, drei kleine Plattenbaubaracken noch von der Sowjetarmee und in den Wald geworfene Platten, als ob hier Riesen Domino gespielt hätten. So weit, so gut. Den Künstlern schickten wir Informationen über die neue Örtlichkeit, Unterlagen zur Geschichte der Gemeinde, und wir freuten uns darüber, dass wir der traurigen Historie des Dorfes jetzt ein neues, fröhliches Kapitel hinzufügen würden.

Google Earth hat uns gerettet. Wir wollte eine Karte der Örtlichkeit verschicken, und da war so ein komisches Fähnchen. Nach einiger Recherche im Web haben wir herausgefunden, dass zur selben Zeit und am selben Ort eine dreitägige Airsoft-Schlacht mit 1.800 Teilnehmern stattfindet. Und die Veranstalter hatten genau wie wir eine Genehmigung des Waldbesitzers, nur von einem anderen Förster. Das ist doch paradox – wir bemühen uns um die Wiederbelebung eines ehemaligen Armeegeländes, und 2.000 Möchtegern-Soldaten zerschießen uns das Festival! Aus dieser Schlacht treten wir den Rückzug an. Schließlich haben wir ja noch 19 weitere Dörfer, stimmt’s?

Die nächste Stelle, eine schöne Wiese mitten im Kiefernwald, Sandsteinfelsen, wunderschöne uralte und weitverzweigte Eichen. Im Geiste sehen wir schon bunte Hängematten in den Baumkronen und schwelgen in Behagen. Aber hier ist ein Landschaftsschutzgebiet, also müssen wir die Veranstaltung genehmigen lassen. „Ja, das ist möglich, aber Sie dürfen nur auf den ausgewiesenen Wegen gehen“, erklärt uns der Herr vom Landschaftsschutzpark. Aber das ist ein Festival, die Besucher werden über die ganze Wiese laufen, geben wir zu bedenken. „Ja, dann geht es nicht, auf der Erde brütet nämlich die seltene Waldlerche.“ Da haben wir’s!

Wir geben nicht auf, denn schließlich gibt es noch die schöne Stelle, wo kleine Kammern und Kavernen in die Felsen gehauen sind. Unsere Fantasie zaubert gleich Workshops für die Festivalbesucher in sie hinein. Ganz in der Nähe ist eine schöne ebene Wiese, dort wird die Bühne aufgebaut … Wird sie nicht. Die Wiese ist hinter einem Wildgehege, da könnten wir die Hirsche erschrecken. Wir wenden ein, dass wir keine Technoparty sind, sondern ein beschauliches Landart-Festival, wo höchstens Theater gespielt wird und Lieder gesungen werden (ohne Verstärker). Die Begründung, die wir daraufhin vom Waldbesitzer bekommen, ist dermaßen absurd, dass uns darauf keine Antwort einfällt. Da es sich um eine ruhige Veranstaltung handelt, könnten wir die neugierigen Hirsche anlocken, die sich dann vielleicht erschrecken und vom Schrecken einen Infarkt bekommen würden! Diese Logik ist einfach unschlagbar. Gut, eine Weile habe ich noch mit dem Gedanken eines Standes mit Erster tierärztlicher Hilfe für Hirsche gespielt, aber schließlich sind wir davon abgekommen und mit dem Festival an den ursprünglichen Standort zurückgekehrt.

Ach, die goldene Geologie! Auch wenn ich zugeben muss, dass es mir Spaß macht. An einem Tag untersuchen wir mit deutschen Geologen auf einer Exkursion einen Berg von Steinen in einem Kieswerk, am zweiten Tag kümmere ich mich um eine norwegische Künstlerin, die mitten in der Wildnis zwei Nähmaschinen braucht, und am dritten Tag sitze ich im Büro über den Tabellen und dem Projektfortschrittsbericht. Sie verstehen bestimmt, dass ich mit meinen Beschreibungen unseres Projektlebens niemals in diese lächerlich engen Spalten hineinpasse …

Studienreise in die Geoparks Ralsko und Český ráj

Im Rahmen des Projektes GECON findet am 19.-20.6.2019 eine Studienreise für Projektpartner in die Geoparks Ralsko und Český ráj statt

 

PROGRAMM 19.6.

10.00 Ankunft und Unterkunft Golfový areál Ještěd, Rozstání 5, Světlá pod Ještědem
10.30 Spaziergang auf Mazova horka

(Einführung in die geologische Situation der Jeschkenkammes und Umgebung)

12.00 Mittag Golf Ještěd
13.00 Geländeworkshop

1. Lokalität: Český Dub, U Cihelny – Paläontologie – unterer Teil des Mittelturon der Iser Schichtung, Sammeln von Fosilien

2. Lokalität: Sachsteinbruch und Hrubá skála bei Proseč pod Ještědem

Historischer Abbau weißer Cenoman Sandsteine

3. Lokalität: Melafyr Steinbruch bei Proseč pod Ještědem (Ovčín?)

Geschichte, verblasste Pracht der mineralogischen Fundstellen von Achat, Jaspis und Quarz

4. Lokalität: Na Rašovce (Aussicht, Geomorphologie der Landschaft)

5. Lokalität: Rundgang zirka 2 km Rašovka, Hřebenovka, Liščí skála und Horecké skály, die aus Quarzkeratofyr gebildet sind

18.00 Abendbrot

Programm 20.6.

8.00 Frühstück
8.30 Geländeworkshop

1. Lokalität: Křižany-Solvayův lom – Geologie, Paläontologie, Karst, rare Flora

2. Lokalität: Pieta auf Křižanské sedlo – kleines Sakraldenkmal

3. Lokalität: Novina Bahnviadukt

4. Lokalität: Novina (nach zeitlichen Möglichkeiten) – Metamorphite: Aufschluss von Quarzit (ausgeprägter Grat), Kachlíky – Metadiabas, Sammeln von Metalyditen ?

12.00 Mittag Kryštofovo Údolí
13.00 5. Lokalität: Kalksteinbruch in Rokytka Tal – Karst, rare Flora

6. Lokalität: Spaziergang zu Vitriolgrube Zeche

Notiz 8: Die Mega-Konferenz

Alle Mühen, der Papierkram und das stundenlange Übersetzen haben sich ausgezahlt. Ich glaube, ich kann sagen, dass unsere Konferenz erfolgreich war. Falls ich je Bedenken hatte, dass es dabei gezwungen und trocken zugehen könnte, so hätte ich nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können.

Der Anfang entsprach total dem Klischee von Krawatten und deutscher Genauigkeit. Alle Teilnehmer bekamen sorgfältig vorbereitete Materialien in der passenden Sprache und dazu noch ein Namensschild mit dem Projektlogo. Die Organisatoren hatten sogar Namensschilder in einer anderen Farbe (grün), damit auch ganz bestimmt alle kapierten, an wen man sich im Notfall wenden konnte. Die Technik funktionierte, die Dolmetscher waren kaum zu bremsen, und es gab Grußworte und Eröffnungsreden von Politikern.

Dann begann der erste thematische Block, und auf das Podium drängte sich eine höchst unorthodoxe kleine Gestalt in einem wilden Batik-T-Shirt, die ich zunächst für eine Studentin hielt, die sich hierher verirrt hatte. Es war aber die Vorsitzende des tschechischen Geopark-Rates, und auch ihre Präsentation war höchst originell. Und im gleichen Stil ging die ganze Konferenz dann weiter. Ich weiß nicht, warum es im Umfeld von Geoparks so viele interessante Leute gibt, aber gottseidank (oder Natur sei Dank) gibt es sie.

Vor der Mittagspause forderten uns unsere deutschen Kollegen – die mit den grünen Namensschildern – auf, hinauszugehen und ein Gruppenfoto an der Basaltsäule zu machen. Die Fotografin stand schon am Fenster bereit, und die grünen Geckos begannen, uns in Stellung zu bringen. Erst da bemerkte ich, dass auf dem Boden sorgfältig ein Rechteck mit Klebeband markiert war, damit alle aufs Bild passen. Das nenne ich perfekte deutsche Organisation.

Bloß die Ruhe und Gemütlichkeit, mit der unserer Projekt gerade läuft, machen mir ein bisschen Angst. Weil mir die Erfahrung sagt, dass es die Ruhe vor dem Sturm sein könnte. Na, wir werden ja sehen!

Geländerworkshop Sedimente und Vulkanite

am 15.05.2019 von 10.00 bis 14.30 Uhr

Treffpunkt/Beginn: 10.00 Uhr in Hagenwerder Parkplatz am Freibad Hagenwerder (51.056304, 14.956264)

Im Rahmen unseres dreijährigen sächsisch-tschechischen Projektes laden wir Sie herzlich zur vierten Exkursion in einer Reihe von Veranstaltungen ein, die wir für Sie vorbereitet haben. Der Geländeworkshop wird sowohl in tschechische als auch in polnische Sprache übersetzt.

Der Geländeworkshop führt in eine aktive Kiesgrube, in der Kiese und Sande der Neiße abgebaut werden. Anschließend werden wir eine Wanderung zum Hofeberg bei Leuba unternehmen und die Reste tertiären Vulkanismus besuchen.

 

PrograMm

9:50 Ankunft und Anmeldung
10:00 Besuch der Kiesgrube Hagenwerder, Wanderung zum Hofeberg und zurück (ca. 4km)
Ca. 14:30 Rückkehr am Parkplatz

Geländeworkshop POLZENITE

den 18.3.2019 von 10.00 bis 15.00 Uhr

Im Rahmen unseres dreijährigen sächsisch-tschechischen Projektes laden wir Sie herzlich zu einem Geländerworkshop unter Führung von Vladislav Rapprich, ČGS an.

Treffpunkt/Beginn: 9.50 Altan des Geoparks Ralsko pod Děvínem

50.6919517N, 14.8603122E

Programm

9.50 Ankunft und Anmeldung
10.00 Wanderung auf den Spuren der Polzenite, Strecke: Altan des Geoparks pod Děvínem – Aufstieg auf Berg Děvín – Hamerský Špičák – Schächtenstein – Černý rybník – Kozí hřbet – Altan pod Děvínem
cca. 15.00 Rückkehr zum Parkplatz

 

Das Programm läuft auf Tschechisch und Deutsch und wird gedolmetscht. Der Workshop ist kostenlos.

 

Notiz 7: Lost in Translation

Der Projektjanuar steht im Zeichen der Vorbereitung einer Konferenz. Bisher haben wir im Rahmen des Projektes hauptsächlich Aktivitäten im Gelände organisiert, jetzt kommt der offiziellere Teil.

Die Geologenkollegen lieben es allesamt, im Gelände zu arbeiten. Da ist ihnen keine Schlucht zu steil, kein Hügel zu hoch und kein Morast zu tief. Begeistert stochern sie im Lehm, klopfen mit ihrem Hammer jeden Stein ab, und mit offensichtlicher Freude kratzen sie Moos von den Felsen, nur um zu sehen, was sich darunter verbirgt. Die Idee einer Konferenz hat sie bisher noch nicht vom Hocker gerissen, aber wenn das Gelände unter der eisigen Umklammerung des Winters sowieso nicht zugänglich ist, warum eigentlich nicht?

Die Vorbereitung einer Konferenz ist vor allem mit einem unendlichen Strom von E-Mails verbunden. Mit meinem deutschen Kollegen schreibe ich mir an einem Tag mehr E-Mails als mit meinem eigenen Mann in einem ganzen Monat. Zum Glück brauchen wir keine Brieftauben mehr; ich wüsste nämlich nicht, wo wir eine solche Menge davon unterbringen sollten.

Dann braucht man noch Übersetzungen. Und Überredungskünste. Jeder Fachmann oder Politiker verspricht Ihnen im Voraus das Blaue vom Himmel, und dann müssen Sie ihn freundlich, aber beharrlich daran erinnern. Und Geologen sind da keine Ausnahme. Und selbst wenn Sie schließlich den versprochenen Text bekommen, haben Sie noch nicht ganz gewonnen. Eine Sprachversion reicht in einem deutsch-tschechischen Projekt einfach nicht aus. Sie brauchen eine Übersetzung.

Wenn Sie vielleicht unter der irrigen Vorstellung leiden sollten, dass der Übersetzer den Text liebkost, die richtigen Ausdrücke und Synonyme sucht, ihn überprüft, umschreibt und korrigiert, dann ist nichts weiter von der Realität entfernt. In erster Linie drängt die Zeit. Und Dolmetscher dolmetschen manchmal. Also setzen Sie sich selbst daran. Bei den ersten Texten macht es noch Spaß, aber dann kommt die sprichwörtliche harte Nuss. Zum Beispiel das Wort „Sinngesellschaft“. Zwischen einer Gesellschaft der Sinne und einer sinnlichen Gesellschaft gibt es einen Unterschied, der aber für die Autokorrektur nicht unbedingt ersichtlich ist. Dann wieder Sinnsuche, uff, und dieses Mal siegen Sie über die Technik. Aber ein winziger Moment der Unaufmerksamkeit genügt, und anstelle von „laufend“ schreiben Sie „läufig“, und Ihr deutscher Kollege schmunzelt insgeheim über diese ganz neue Sicht auf die Landschaftsentwicklung.

Schließlich haben wir alles geschafft, und so langsam freue ich mich auf die Konferenz, oder eher darauf, dass dieser Wahnsinn endlich aufhört. Und darauf, dass wir wieder ins Gelände gehen. Vielleicht lege ich mir auch einen Hammer zu.

Notiz 6: Trouble mit dem Mittag

„Auch der kürzeste Weg kann ein großes Abenteuer sein“, pflegte meine deutsche Oma Frida zu sagen. Sie war ein Original und hat zwei Weltkriege im Sudetenland überlebt, also wusste sie, wovon sie spricht. Ich habe naiv geglaubt, dass nichts schiefgehen kann, wenn man sich gut vorbereitet und alles plant. Wahrscheinlich hält sich Oma Frida jetzt irgendwo auf ihrer Wolke den Bauch vor Lachen.

Als wir im Oktober den Projektworkshop im Dezember vorbereitet haben, ist die Wahl auf die malerische Gemeinde Hammer am See gefallen. Sie liegt im Projektgebiet, direkt in unserem Geopark, und der Bürgermeister hat uns bereitwillig einen schönen Raum im Gemeindeamt empfohlen, vollausgestattet und mit Seeblick.

Die Verpflegung dürfte kein Problem sein, dachte ich. Ruf doch im Hotel Pazifik an, riet mir meine Kollegin Lenka, die die Gegebenheiten vor Ort kennt. Kein Problem, versicherte man mir dort, also zumindest nicht bis Ende Oktober, dann schließen wir wegen Umbau. „Macht nichts, wir rufen woanders an. Können Sie mir etwas empfehlen?“, fragte ich naiv. „Oh, hier gibt es im Winter überhaupt nichts“, versichert mir die nette Dame …

Im November konnten wir hervorragende Redner gewinnen und fingen an, uns auf den Workshop zu freuen. Blieb nur noch das Essen. Im benachbarten Stráž pod Ralskem ist eine Pizzeria, also werden wir das Essen dort bestellen. Das ist doch eine gute Idee! Kein Geschirr, kein Aufwand, und es wird sogar angeliefert. Wir bestellten alles telefonisch, und wieder wurde mir versichert, dass alles kein Problem sei. 15 Pizzen um halb eins nach Hamr, ganz wie Sie wünschen.

Am Tag vor dem Workshop fing es an zu schneien und zu frieren – kein Wunder im Dezember, aber trotzdem eine große Überraschung für die Tschechische Eisenbahn. Der erste Zug hat 5 Minuten Verspätung, der Anschlusszug schon 10 Minuten, und unterwegs kommen weitere 5 Minuten hinzu. Schließlich haben wir insgesamt eine halbe Stunde Verspätung. Zum Glück packen unsere fantastischen Projektpartner mit an, und alles wird noch rechtzeitig fertig. Die Technik macht etwas Umstände, aber endlich geht es los, die Vortragenden treffen ungeachtet des Schnees und des Glatteises pünktlich ein. Alles klappt, wie es soll.

Bis um halb eins. Keine Pizza. Um dreiviertel fährt ein Botenjunge auf dem Mofa vor und holt drei Pizzen aus dem Rucksack. Er sagt, dass er die nächsten in einer halben Stunde bringt, und verschwindet wieder. Ich bin entsetzt, und bei dem folgenden Telefonat mit der Pizzeria verliere ich die Contenance, wie mein Mann es nennen würde. „Unser Ofen ist kaputt, und der Monteur kommt in einer Stunde“, wird mir gesagt. Nur dass ich hier inmitten der malerisch verschneiten, aber völlig verlassenen Einöde 22 hungrige Geologen habe! Ich dränge darauf, dass sie sich sofort einen Plan B einfallen lassen, und der Held am anderen Ende der Leitung verspricht mir, 20 Schnitzel mit Pommes zu schicken. Also überrede ich den deutschen Doktor der Archäologie, dass das Programm geändert werden muss, nämlich dass wir mit dem Vortrag ohne Mittagessen anfangen, und wenn die Schnitzel kommen, unterbrechen wir. Er hält den kompletten Vortrag, bevor der Botenjunge wieder auftaucht, diesmal im Auto, und 10 Pizzen und drei Schnitzel hervorzaubert. Wie durch ein Wunder funktioniert der Ofen wieder, und der Botenjunge macht sich blitzschnell aus dem Staub. Die Geologen nehmen es mit Humor und essen bei geselligen Gesprächen alles restlos auf.

Als wir nach dem Workshop dem Bürgermeister die Schlüssel zurückgeben, erzähle ich ihm die ganze Geschichte mit dem Mittagessen. „Aber warum haben Sie denn nicht hier gegessen?“, fragt er erstaunt, „gleich um die Ecke ist doch ein Restaurant.“ Als ich wieder zu mir komme, klärt sich alles auf. Seit das Hotel zugemacht hat, wird in der Brauerei gekocht. Es gibt Momente, auf die man sich einfach nicht vorbereiten kann.

NEWSLETTER 2/2018

Ausflugstipp

Wanderung zu den Eisfällen bei Brtníky

Die Wälder südlich des Ortes Brtníky verbergen einen Schatz. Dieser glitzert aber nicht goldig, sondern funkelnd kristallklar und ist nur bei geeigneten Bedingungen zu sehen – an frostigen Tagen oder danach. Es ist die Rede über zahlreiche gefrorene Wasserfälle – Eisfälle, die sich auf Sandsteinfelsen bilden und den Wanderern eine atemraubende Ansicht bereiten. Besuchen Sie diese Naturwunder und genießen Sie die endlose Phantasie des Architekten Namens Natur.

Unseren Ausflug beginnen wir im malerischen Gebirgsdorf Brtníky, das 8 km westlich vom Rumburk – im Naturschutzgebiet Elbsandsteine. Man kann Brtníky mit Bus erreichen (Haltestelle ,,Staré Křečany, Brtníky, náměstí“), mit dem Zug (Haltestelle ,,Brtníky“ liegt 0,5 km vom Ausgangspunkt entfernt) oder mit eigenem Wagen. Den Wagen kann man in der Dorfmitte parken, bei der Wanderwegkreuzung ,,Brtníky“, wo unsere Wanderung beginnt. Gleich bei der Kreuzung steht ein Denkmal der Opfer des ersten Weltkrieges und ein Paar Meter westlich davon eine historische Winterlinde. Von der Kreuzung folgen wir den grün markierten Wanderweg Richtung Süden. Nach 0,5 km mäßiger Steigerung kommen wir zur Kreuzung ,,Nad Brtníky“. Hier genießen wir die schöne rundliche Aussicht – unter anderen sehen wir den nahen Bazaltberg Vlčí hora (581 m) mit Aussichtsturm und folgen die grüne Markierung (und gleichzeitig den blauweiß markierten Rundgang Brtníky) weiter nach Südwesten. Bald betreten wir den Wald und nach 1 km kommen wir zur Kreuzung ,,Šternberk“. Hier sehen wir unter anderen eine Quelle, oder eher ein Brunnen, der unweit des Weges liegt. Er ist aus Sandsteinblöcke gebaut und hat eine schöne gewölbte Decke. Den Eingang schützt ein Eisengitter. An diesem Ort wurde 1770 ein Wildgehege errichtet und ein Jahr danach ließ hier der Reichsgraf Franz Wenzel ein Jagdschlösschen erbauen. Zur Ehre seiner Gattin (geboren Gräfin Šternberk) nannte er es Šternberk.

Wir verlassen das ehemalige Schlösschen und folgen die grüne Markierung nach Süden und betreten den Nationalpark Böhmische Schweiz. Etwa nach einem halben Kilometer folgt eine Abbiegung zum Aussichtspunkt Soví vyhlídka. Nach 100 m erreichen wir einen Sandsteinfelsen, aus deren sich eine herrliche Aussicht auf die Wälder des Nationalsparks eröffnet. Zurück auf dem Rundwanderweg Brtníky gehen wir weitere 500 m und erreichen eine Kreuzung mehrerer Waldwege, die im den Landkarten als ,,Písečná brána“ bezeichnet wird. Ein nicht markierter Pfad in Richtung Süden führt uns nach 200 m zum ersten hiesigen Eisfall. Er trägt den Namen ,,Opona = Vorhang“ und bildet sich bei geeigneten Bedingungen an einen kräftigen Sandsteinüberhang. Der Überhang ist bis 10 Meter hoch und bis 5 Meter tief. Der Eisfall, der über diesen Überhang „fliest“ hat im Idealfall eine Gestalt eines Eisvorhangs. Außer dem Wasserfall kann man auch ein interessantes Mikrorelief bewundern, der in den Sandsteinwänden vor allem durch chemische Witterung des Sandsteins entstanden ist. Merkwürdig sind gut ausgeprägte Waben. Außerdem findet man in der Wand auch kleine Bohrlöcher der Solitärbienen, unter den Überhangen haben dann die Ameisenlöwen ihre tödliche Sandfällen.

Von dem Wasserfall kehren wir auf den Wanderweg zurück und folgen die Markierung in Richtung Süden. Nach 0,5 km kommen wir zur Abbiegung zur Sandsteinburg Brtnický hrádek. Auf dem Weg dahin sind viele in den Sandstein gehauene Treppen zu überwinden. Die eigene Burg entstand im 13. Jahrhundert und bis in die heutige Zeit haben sich manche in den Felsen gehaute Räumlichkeiten erhalten. Aus der Burgruine ist eine sehr schöne Aussicht über die Wälder der Böhmischen Schweiz. Zurück auf dem Rundgang Brtníky steigen wir in das Tal des Baches Vlčí potok herab, zu der Wegkreuzung ,,Vlčí potok – u skály“. Weiter gehen wir auf dem Weg stromaufwärts – in Richtung Norden (wir verlassen den grün markierten Wanderweg). Nach etwa 250 m gehen wir an dem Eisfall ,,Bethlehem“ vorbei, der sich an einen kleineren Überhang über Vlší potok bildet. Nach weiteren 150 m können wir rechts auf einen Pfad abbiegen, um nach 200 m unter dem Eisfall ,,Varhany = Orgel“ zu stehen. Falls wir von dem grün markierten Wanderweg noch ein Stück weiter nach rechts abbiegen würden, würden wir wieder nach etwa 200 m eine weitere Seltenheit sehen – die so genannte „Große Eissäule“.  Das Wasser fließt hier aus einem 10 m hohen Überhang herunter und erfriert auf einem Baumstamm. Was eine wirklich atemraubende Schönheit vorstellt. Falls wir uns an den Eisfällen satt sehen haben, können wir den Rundweg weiter verfolgen. Nach 3 km kommen wir zu der Kreuzung ,,Nad Brtníky“ und dann steigen wir zu dem Ausgangspunkt in Brtníky herab.

Sollten wir noch bei Kräften sein, kann man von dort auf dem rot markierten Wanderweg den nahe liegenden Kreuzberg besuchen. Auf dem Gipfel steht die Kapelle der Heiligen Dreieinigkeit aus dem Jahr 1768 und bei dem Weg stehen schön renovierte Kreuzwegstationen. Diese wurden zwischen 1801 und 1804 errichtet und 2016 bis 2017 rekonstruiert.

Unsere Wanderung ist am Ende. Das Land, das wir besuchten ist einigermaßen ein vergessenes Land. Früher ausgesiedelt und bis heute etwas traurig. Aber die Natur ist hier einzigartig. Im Land eines Nationalsparks und zweier Naturschutzgebiete… Der nördlichste teil unserer Heimat.

Text und  Foto: Dominik Rubáš

Ein Häuschen von Brtníky

Vlčí hora

Der Brunnen bei Šternberk

Ein Teil des Eisfalles „Vorhang“

Treppen zur Burgruine

Eisfall „Große Eissäule“

Kreuzberg bei Brtníky

 

NEWSLETTER 2/2018

Aus dem Projekt

Rückblick aufs 2018

Projekt Gecon hat sein erstes und sehr erfolgreiches Jahr hinter sich. Erste Projektinteressenten und Geologiefans aus den Reihen der Fachmänner sowie Laien haben wir am 22. Februar in der Festung in Chrastná willkommen können bei dem ersten Projektworkshop mit dem Titel Moderne Technologie und Geologie I. Den Vortrag hielten die Herren Patrik Fiferna und Vladislav Rapprich aus dem Tschechischen geologischen Dienst und sie widmeten sich unter anderen den Fragen wie Warum und wozu braucht man moderne Technologie in der Geologie, Welche Auswirkung hat es oder Wie aus den Daten vom Gelände eine 3D Animation entsteht?

Studienreisen sind im Gegenteil zur Workshops, die für die breite Öffentlichkeit bestimmt sind, für die Bildung und Sammeln von Erfahrungen und neuen Kenntnissen des Projektteams gedacht. Unsere erste Studienreise vom 15. März führte in den äußerst interessanten Geopark Muskauer Faltenbogen in sächsisch-polnischen Grenzland.

April Geländeworkshop trug den Titel Exkursion zu den jungen Vulkanen und war wieder für die breite Öffentlichkeit bestimmt. Der volle Bus der Interessenten besuchte erst eine Lokalität in Deutschland und danach eine in Böhmen. Ausgelöschte Vulkane imposanter Gestallten bilden die Landschaft und ermöglichen den Geologen den Einblick in die „heiße“ Geschichte.

Der Mai war wieder im Zeichen einer Studienreise. Dieses mal fuhren die Projektpartner bis nach Bayern, um in Bayrisch-böhmischen Geopark eine weiteren Weg zu bewundern, wie man das Naturerbe präsentieren kann.

Die Juniexkursion mit dem Titel Varietäten der lausitzer- und nordböhmischer Granite konnte meisterhaft die Verbindung der menschlichen Tätigkeit und der Geologie zeigen. Die Teilnehmer konnten das Vorkommen der Granite in der Natur verfolgen, über historischen dessen Abbau im interessanten Museum des Granitabbaus in Könighain erfahren und sogar ein tätiges Granitsteinbruch beim Kindisch besuchen.

Die dritte Studienreise war im Zeichen der Sandsteine, denn wir besuchten den Nationalpark Böhmische Schweiz und den Nationalpark Sächsische Schweiz. In der Augusthitze kletterten wir bis zum Prebischtor, kühlten uns im historischen Stollen in Berggießhübel ab und haben noch Fluorite am Fuß des Schneebergs gefunden.

Die außer Frage größte Projektaktion vom 2018 war die Sommerschule der Geologie mit dem Titel Verschiedene Gesichter der Gesteine, die unter der Leitung der Projektpartner aus der Technischen Universität in Liberec von 17. bis 21. September in Turnov und Umgebung stattgefunden hat. Die Teilnehmer der Sommerschule lernten während der mir Ereignissen vollgeprallten fünf Tage wirklich viele Gesichter der Gesteine kennen, sie haben gelernt, wie man eine geologische Sammlung gründet und eine Storymap herstellt.  Und als Sahnetüpfelchen zum Schluss haben sie noch echte Fossilien in einem kleinen verlassenen Tal gefunden.

Die Oktoberexkursion mit dem Titel  Sandsteine der nordböhmisch – sächsischen Region wurde vom Regenwetter begleitet, an die dreißig tschechischen und deutsche Teilnehmer ließen sich aber nicht abschrecken und haben mit dem unermüdlichen wissenschaftlichen Leiter interessante Sandsteinformationen in tschechisch -sächsischen Grenzgebiet bei Johnsdorf besucht.

Der Novemberworkshop Geowissenschaftliche Präsentationen und Beispiele guter Praxis aus regionalen Museen fand im Senckenberg Museum in Görlitz statt. Den äußerst interessanten Präsentationen haben unter anderen die Sammlung der Minerale des Regionalmuseums von Luban oder die museale Präsentation mittels virtueller Realität vorgestellt.

Letzte Projektveranstaltung des Jahres 2018 war der Workshop Moderne Technologien und Geologie II. , der am 13. Dezember im Hamr am See stattgefunden hat. Interessante Vorträge über Geologie und E-Learning und GIS und Spiele wurden mit Präsentation des internationalen Projektes ArchaeoMontan ergänzt.

Das Projekt GECON bereitet auch für das Jahr 2019 interessante Veranstaltungen vor, verfolgen Sie die Webseiten gecon.online und bleiben Sie im Bilde!

NEWSLETTER 2/2018

Aktuell

Regionale Konferenz Geoparks und nachhaltige Entwicklung der Region – umweltschutzliche, ökonomische und soziale Gewinne

13. Februar 2019 findet im Rahmen des Projektes GECON – grenzüberschreitendes geologisches Kooperationsnetzwerk im Senckenberg Museum in Görlitz  eine regionale Konferenz zum Thema: Geoparks und die nachhaltige Entwicklung der Region statt. Die Patenschaft haben der sächsische Landespremierminister Michael Kretschmer und der Umweltminister der ČR Richard Brabec übernommen. Die Konferenz wird in thematische Blöcke aufgeteilt, im Block der sich der Konzeption der Geoparks und deren Bedeutung für Fremdenverkehr und Entwicklung der Regionen widmet wird zum Beispiel Frau Marina Pásková auftreten, Vorstand des tschechischen Rates der nationalen Geoparks und Mitglied des Rates der globalen Geoparks UNESCO. Im Block der Beispiele guter Praxis treten unter anderen Herr Andreas Peterek, Direktor des Geoparks Bayern-Böhmen, Herr Jacek Kozma aus dem UNESCO Global Geopark Luk Muzakowa oder Frau Lenka Mrázová, Direktorin des Nationalen Geoparks Ralsko auf.

Die Konferenz wird in deutsche, tschechische und polnische Sprache gedolmetscht, der Eintritt ist frei. Weitere Informationen und Anmeldung finden Sie unter http://www.gecon.online/de/regionale-konferenzen/