Notiz 5: Papierkram

November – der Monat des Papierkrams

Als Kind hatte ich ein Buch mit dem Titel „Ich, Baryk“. Baryk war ein Hund, und in jedem Kapitel erzählte er von einem Monat – so war etwa der Februar der Monat der kalten Küche oder der September der Monat der Schwalben. Aus Projektsicht wäre der November der Monat des Papierkrams.

Unerwartet mussten wir uns um zwei Beleglisten auf einmal kümmern. Zuerst haben wir auf die Anmerkungen zur ersten Projektabrechnung geantwortet, und dann haben wir die zweite Abrechnung zusammengestellt, nach einem weiteren halben Jahr Projektlaufzeit. Stellen Sie sich vor, dass Sie alles, was im Laufe eines halben Jahres in einem Projekt mit drei Kooperationspartnern in zwei Ländern passiert ist, in vier Tabellen quetschen müssen. Und zwar so, dass ein Angestellter irgendwo in einem Büro anhand der Zahlen und Stichworte versteht, was Sie machen und wie und warum Sie es machen. Das ist einfach nicht möglich, auch wenn die Tabellen noch so durchdacht sind.

Im Eifer des Gefechts verliert man leicht einmal den Grundgedanken aus den Augen, und schon sind Sie gezwungen, Erklärungen zu Tatsachen zu schreiben, die für Sie vollkommen selbstverständlich sind. Ja, wir haben an den Veranstaltungen unseres Projektpartners teilgenommen, weil der Grundgedanke unseres Projektes die Zusammenarbeit ist und wir deshalb alles gemeinsam machen. Das war einfach. Aber wie erklären Sie, dass die IKEA-Möbel entgegen der Annahme mehr gekostet haben, weil wir keine Ahnung hatten, dass man die Tischplatte und die Tischbeine extra bezahlen muss? Mit Interesse habe ich die ganze Geschichte und Philosophie des IKEA-Gründers studiert (alles ist besser, als Tabellen zu kontrollieren, oder?), und mit dem mir eigenen schrägen Humor habe ich versucht, zu berechnen, wieviel billiger es wäre, die Tischbeine selber zu machen. Schließlich habe ich zum Telefon gegriffen und einfach zugegeben, dass wir einen Fehler gemacht haben, und siehe da, es war kein Problem. Am anderen Ende der Leitung war auch nur ein Mensch, auch wenn diese Dame im Gegensatz zu mir bestimmt keine Gänsehaut beim Anblick einer Tabelle mit mehr als zwei Spalten bekommt. Aber ich habe es geschafft. Der Ordner mit der zweiten Belegliste und den Kopien aller erforderlichen Unterlagen wog schließlich 1,6 kg, wie mir die Frau auf der Post bestätigt hat. Am Kopierer habe ich wahrscheinlich mehrere Stunden verbracht, und nach und nach musste ich drei der vier Tonerpatronen austauschen.

Meine Rettung in diesem November voller Papier war der Workshop „Best Practice in den Museumsgeowissenschaften“, den unsere Projektpartner vom Senckenberg-Museum in Görlitz veranstaltet haben. Auf dem Weg dorthin haben wir im Auto noch über Themen rund um die Belegliste gesprochen, aber nach dem ersten Fachbeitrag war ich sofort in einer anderen Welt. Der Clou für mich war eine Demonstration virtueller Realität namens „Abenteuer Bodenleben“. Sobald ich die Brille aufgesetzt hatte, befand ich mich unter der Erdoberfläche, und ringsherum tauchten verschiedene überlebensgroße Doppelfüßer oder Rollasseln auf. Ein unglaubliches Erlebnis; mein Zoologenherz lachte. Als ich dann auf dem Rückweg im Zug einschlief, träumte ich, dass ich ein Hundertfüßer in einem riesigen Papierberg bin, aus dem ich nicht mehr herausfinde, und überall waren nur Zahlen. Brr!

Jetzt bin ich  gespannt auf Dezember.