Notiz 4: Projektsommer

Mitten im Sommer eine Studienreise in die Sächsisch-Böhmische Schweiz zu organisieren, war ein sagen wir einmal: gewagter Einfall. Als die Reise geplant wurde, wusste ich überhaupt noch nichts von der Existenz des Projektes, und jetzt fiel mir die Organisation dieser Unternehmung zu. Ich kam mir vor wie der Prinz im Märchen, der die Rätsel der kapriziösen Prinzessin lösen muss …

Aufgabe 1 – einen Reiseführer auftreiben. Zwei Nationalparks, das ist doch kein Problem, dachte ich mir. Aber hallo! In der Böhmischen Schweiz haben sie einen Geologen, einen ganz lieben, aber sein freidenkerischer Arbeitsansatz trieb mich während der Vorbereitungen in den Wahnsinn. In der Sächsischen Schweiz war es dann eine ganz andere Liga. Einen Geologen haben sie nicht, nur ausgebildete Führer. Die natürlich für den ganzen Sommer ausgebucht sind. Aber ich kann ihnen auf offiziellem Wege schreiben, sie prüfen mein Anliegen, geben es weiter und melden sich wieder. Nun, sie haben sich nicht gemeldet, und jetzt ist schon Oktober.

Aufgabe 2 – die Unterkunft. Ein Quartier für eine Nacht mitten in der Woche für 15 Leute in der Hochsaison aufzutreiben, ist fast unmöglich. Ich weiß schon nicht mehr, wie viele Hoteliers einen Heidenspaß an mir hatten. Zum Schluss war das Glück meiner Kollegin Renate hold, die den Besitzer einer Pension für Schulklassen überredete. Mitten im Sommer war er frei und seine Stimmung unter dem Nullpunkt. Nach einer Nacht unter seinem Dach hat mich beides nicht mehr gewundert.

Des Weiteren machte das trockene und heiße Wetter alles noch komplizierter, und auch die ständig wechselnden Vorschriften, ob man in den Wald durfte oder nicht, und die sich laufend ändernde Anzahl der Teilnehmer. Als wir uns dann endlich alle vor Ort trafen, war es wie ein kleines Wunder. Was machte es da schon aus, dass der Geologe Peter und ich aus Versehen 1,5 Stunden zu früh am Treffpunkt waren? Wir reagierten uns ab, indem wir zum Aussichtsturm (geschlossen) liefen, und waren zufrieden.

Unsere erste Station war Köglers geologische Karte. Stellen Sie sich ein steinernes Mosaik von der Größe eines mittleren Spielplatzes inmitten eines blühenden Gartens hinter einem Einfamilienhaus vor. Und dazu als Cicerone den redseligen Hausherrn, einen originellen älteren Herrn, der mit Kögler selbst verwandt ist. Behände erzählte, scherzte und gestikulierte er und schaffte es dabei sogar noch, immer wieder in seinem bezaubernden Deutsch mit Sudeten-Dialekt unsere fantastische Dolmetscherin Petra zu korrigieren.

Vor Ort war auch der Geologe des Nationalparks, der uns den ganzen Tag führte. Er war unglaublich witzig, hatte einen streunenden Hund und eine sehr spezielle Arbeitsweise. Wir haben mit ihm wirklich eine unvergessliche Zeit verbracht, etwa, als er uns in den halb überschwemmten und verschütteten Stollen eines Kalkwerks mitnehmen wollte, den zum Schluss nur er selbst und die unerschrockene Dolmetscherin erreichten. Oder als wir am Prebischtor direkt unter der Materialseilbahn bergauf gingen und er sich bloß andere Schuhe anzog und mit einem Lachen sagte: „Ich schaffe das in zehn Minuten“. Also, zehn waren es definitiv nicht, aber ein gewaltiges Erlebnis. Als er dann gegen Abend im Herzen des Nationalparks über ein Geländer und in die Felsen stieg, zogen unsere sonst so akkuraten Akademiker bloß die Augenbrauen hoch und kletterten ihm nach.

Am anderen Tag fuhren wir durch die Sächsische Schweiz, wo uns die Besichtigung des Marie Louise Stollns erwartete. Der Unterschied zwischen den beiden Stolln könnte größer nicht sein. Der von gestern war nicht zugänglich; hier waren es vorbildlich erhaltene 400 Meter mit einer 90-minütigen Besichtigung. Bei den spannenden Erklärungen unter Tage lief einem allein bei der Vorstellung der unglaublichen Plackerei der Bergleute von früher das sprichwörtliche Frösteln über den Rücken. Da freut man sich sogar über die Tabellen, die im Büro auf einen warten.

Die Studienreise haben wir auf dem Schneeberg in Děčín beendet, wo wir in einem ehemaligen Steinbruch nach Fluoriten suchten. Die Herren konnten endlich ihre Hämmer einsetzen und strahlten bei jedem Fund wie kleine Kinder.

Und was lernen wir daraus für das nächste Mal? Wenn sich ein Geologe festes Schuhwerk anzieht, macht man am besten auf dem Absatz kehrt und ergreift die Flucht.