Notiz 2: Sie sind da

Sie sind da. Die Belegliste und der Prüfbericht. Den ersten Projektfortschrittsbericht von Projektbeginn an zu schreiben ist ein bisschen so, wie wenn man zum ersten Klassentreffen fährt. Man sucht die alten Mitschriften und Fotos zusammen und wird von Erinnerungen überwältigt. Wie unsere ersten Eindrücke waren. Dass wir auch ein bisschen Angst hatten. Der Kollege aus Deutschland kam uns wie ein zerstreuter Professor vor … Und die Herren von der Universität wirkten so akademisch. Außerdem musste man jede E-Mail erst übersetzen lassen. Heute ist alles anders. Was Jörg in die Hand nimmt, das läuft wie am Schnürchen, und anstelle von gefürchteten Langweilern haben sich die Kollegen von der Universität als vielseitig unangepasst entpuppt. Und mit der neuen Verstärkung im Team war die deutsche Sprache gleich keine Hürde mehr.

Also, während sich in den Ordnern und eigentlich überall im Büro Unmengen Belegkopien türmen, fahren wir zum nächsten Workshop ins Gelände. Ich muss zugeben, dass mir das Thema „Granitvariationen“ erst einmal nicht besonders spannend vorkommt. Das Museum des Granitabbaus erwischt mich also unvorbereitet. Ich habe irgendwelche verstaubten Werkzeuge erwartet, aber anstatt dessen bringt man uns dort menschliche Schicksale nahe. Ein schwarzweißer Stummfilm zeigt die schwere Plackerei im Steinbruch ohne Sentimentalitäten, dafür mit Stolz. Und vor Pflastersteinen werde ich jetzt wohl immer in Ehrfurcht erstarren. Vor einer solchen Präsentation der Geologie kann man nur den Hut ziehen. Das Sahnehäubchen ist dann noch der Besuch eines Steinbruchs, der noch in Betrieb ist. In knalligen Warnwesten und Helmen stehen wir vor einer riesigen Masse Granit wie eine Schar bunter Wichtel aus dem Märchen. Jörg zeigt begeistert auf verschiedene Granite und Brüche, die Dolmetscherin Petra hält standhaft mit seinen Ausführungen Schritt, und die Geologen klopfen enthusiastisch mit ihren Hämmern die Felsblöcke ab, die überall herumliegen. Während ich selbst zwar immer noch die lebendige Natur vorziehe, kann ich doch langsam ihre Begeisterung und ihren Enthusiasmus für die Geologie nachvollziehen. Und die Überzeugung, dass meine Arbeit und unser Projekt einen Sinn haben, wird nicht einmal von der Erinnerung an all das Papier getrübt, das mich im Büro erwartet.